Presseartikel


Thema: Jugendschutzgesetz
(HNA vom 26.02.2002)

Bald länger ohne Aufpasser in die Disco?

Jugendliche sollen länger als bisher ohne Begleitung in die Disko gehen können. Das sehen Pläne zur Änderung des Jugendschutzgesetzes vor, die heftig diskutiert werden.
Das freut Diskowirte und manche ihrer Gäste: Eine Überarbeitung des Jugendschutzgesetzes, so Bundesjugendministerin Christine Bergmann vor kurzem, soll neben anderen Änderungen Teenies den Zugang zu öffentlichen Tanzveranstaltungen und Diskotheken vereinfachen: 14- bis 16-Jährige, so die Planungen, dürften dann ohne Begleitung Erwachsener bis 23 Uhr auf die Tanzfläche. Für Jugendliche zwischen 16 und 18 soll der Beginn der Sperrzeit von Mitternacht auf 1 Uhr wandern.

Bergmann muss sich noch mit den Ländern abstimmen - das Reizthema jedoch ist in der Welt. Acht von zehn Bundesbürgern, so eine Umfrage der Münchner Gesellschaft für Politik und Sozialforschung, halten nichts von der Lockerung des Gesetzes für 14-Jährige. Renate Hendricks vom Bundeselternrat oder Walter Wilken, Geschäftsführer des in Hannover ansässigen Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), hingegen finden mehr Großzügigkeit gut.

Hendricks: Die Kinder wollen heute länger wegbleiben.

Besorgte Eltern aber - laut Wilken vor allem aus kleineren und mittleren Städten - haben sich beim Kinderschutzbund prompt beschwert. Wilkens Sicht der Dinge: Es sei wichtig, die Altersgrenzen des Jugendschutzgesetzes den Lebensrealitäten anzupassen. Man könne Kinder nicht mehr so erziehen wie vor 50 Jahren. Kritiker unterstellen dem DKSB-Geschäftsführer, die Werteerziehung von Eltern zu unterminieren und zur Verdummung der Jugendlichen beizutragen, die dann nur noch müde in der Schule sitzen würden.

Die Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren fürchtet, Jüngere könnten in Diskos eher zum Rauchen verleitet werden. In der Welt am Sonntag warnte Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, eine Neuregelung könne es Eltern noch schwerer machen, sich in der Erziehung durchzusetzen.

Wilken wehrt sich: Es kommt darauf an, wie es in der Disko zugeht. Unabhängig von allen Uhrzeiten, müssen die gesetzlichen Bestimmungen über den Alkoholausschank eingehalten werden, und es dürfen keine Drogen konsumiert werden. Wenn der Wirt dieses nicht durchsetzen kann, muss sein Laden dichtgemacht werden. Bisher hätten Jugendliche die schlechte Erfahrung gemacht, dass es weit gehend folgenlos bleibt, wenn man Gesetze, in diesem Fall das Jugendschutzgesetz, übertritt.

Der Nachwuchs sei heute wesentlich früher reif, deshalb verhalte er sich auch anders. Parallel dazu sieht Wilken unter Eltern mehr Verunsicherung als jemals zuvor. Aber: Wenn sie mit ihren Kindern über Uhrzeiten streiten, geht es häufig um ganz andere Dinge, nämlich darum, wie man Kindern helfen kann, fit fürs Leben zu werden und selber Gefährdungen zu trotzen. Vätern und Müttern schreibt der DKSB-Geschäftsführer zudem ins Stammbuch, dass eine Jugendschutzgesetz-Novelle ja keineswegs Freibriefe für die Disko garantiere. Über die Frage, wie oft so ein Besuch sinnvoll sei, müssten sich Eltern und Kinder so oder so weiterhin auseinandersetzen.

Bleiben Verweise der Mahner auf das miserable Abschneiden Deutschlands in der Pisa-Bildungsstudie. Hier Zusammenhänge zum Thema Disko herzustellen, nennt Wilken naiv: Kinder lernen umso besser, je mehr Freude und Spaß sie am Lernen und im Leben haben. Wer sich gegängelt und bevormundet fühle, traue sich auch kein selbstständiges Denken zu.

(Wolfgang Rieck/ HNA-Redaktion)



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